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Fazit

Die Ausstellung „1914 – Mobilisierung in europäischen Heimaten“ des europäischen Kooperationsprojekts „Der Erste Weltkrieg – Euphorie und Neuanfang: Entwicklungen und Wahrnehmungen in europäischen Städten 1914–1918“ beschäftigt sich mit der Ausgangssituation in 1914.

Wie stellte sich die Situation 1914 in den einzelnen europäischen Heimaten dar? Wie sahen die heutigen Städte Bracknell, Jülich, Ljubljana, Leverkusen, Racibórz, Schwedt und Villeneuve d’Ascq aus? Wodurch waren sie geprägt? Aus welchen Lebensumständen wurden Menschen, die dort lebten, gerissen, als der Krieg im Sommer 1914 ausbrach? Die Ausstellung versucht Antworten auf diese Fragen zu geben.

Neben der Darstellung der sieben europäischen Heimaten wurde versucht in acht Teilabschnitten den Alltag und die Veränderungen des Jahres 1914 nachzuvollziehen und zu beschreiben.

Der Kriegsausbruch stellte einen besonderen sozialen Einschnitt in die Gesellschaft dar. Da ein Großteil der Männer zum Kriegsdienst eingezogen wurde, fehlte es bald an Arbeitskräften. In dieser Phase des Krieges war es noch nicht üblich, dass Frauen in traditionellen Männerberufen, wie in der Industrie, tätig waren. Jedoch melden sich immer mehr Frauen freiwillig zum Dienst an der Heimatfront, wo sie vornehmlich in Lazaretten eingesetzt waren.

Für die Wirtschaft bedeutete der Krieg vor allem eine Zeit des Umbruchs. Das Leverkusener Unternehmen Bayer begann Ende 1914 mit der Produktion von chemischen Kampfstoffen. Gleichzeitig wurden viele Werke im Ausland von Kriegsgegnern beschlagnahmt und für ihre Zwecke benutzt.

Der Einzelhandel war in allen Städten besonders vom Krieg betroffen, da viele Ladenbesitzer einberufen wurden und somit ihr Geschäft nicht mehr weiterführen konnten.

Im Bereich des Verkehrswesens führte der Krieg ebenfalls zu Engpässen. Die Haupttransportmittel, die Eisenbahn sowie Pferde und Ochsen, wurde von den jeweiligen Heeren beansprucht und standen somit der Zivilbevölkerung nur mehr im knappen Rahmen zur Verfügung. Gleichzeitig erfuhren Städte, wie Opladen und Ljubljana, durch die ausgebaute Schieneninfrastruktur, einen Bedeutungsanstieg.

Die militärischen Auswirkungen des ersten Kriegsjahres hätten unterschiedlicher nicht sein können. Das heutige Villeneuve d’Asq wurde sehr bald von den deutschen Truppen besetzt. In Bracknell meldeten sich einige Männer freiwillig zum Kriegsdienst, jedoch hatte der Ort keine besondere militärische Bedeutung. Die Garnisonen in Ljubljana und Ratibor wurden weiter aufgestockt und die Städte wurden zu wichtigen Dreh- und Angelpunkten der Balkan- bzw. Ostfront. Leverkusen, Schwedt und Jülich hatten jeweils unterschiedliche militärische Bedeutungen. Während Leverkusen primär als Rüstungsstandort und Verladepunkt genutzt wurde, kam Jülich die Aufgabe als Ausbildungsstandort zu. Die Soldaten der Schwedter Garnison nahmen schon direkt nach Ausbruch an den Kampfhandlungen im Osten teil.

Die Kirchen in den kriegsteilnehmenden Ländern versuchten diesen Waffengang als „Gerechten Krieg im Namen der Nation“ zu legitimieren. Gleichzeitig sah man die Chance die eigene gesellschaftliche Bedeutung zu stärken.

Bereits im Vorfeld des Ausbruchs des Krieges wurde in allen Staaten Europas, insbesondere im Deutschen Reich und Frankreich, in den Medien, aber auch in den Schulen, ein „Feindbild“ aufgebaut und eine Militarisierung der Gesellschaft, z.?B. in Spiel und Kleidung, setzte ein. In Österreich-Ungarn prägten die Probleme des Vielvölkerstaates die öffentliche Meinung und mediale Diskussion. Ljubljana, mit deutschem und slowenischem Bevölkerungsanteil spiegelt diese Frage wieder.

Das Verwaltungswesen lief nach Kriegsausbruch noch in gewohnten Bahnen, da man anfangs noch bemüht war die Heimatfront von der Front zu trennen und der Zivilbevölkerung vorzutäuschen, dass es sich um einen kurzen Krieg handeln würde. In Deutschland wurde jegliche Form von Gewerkschaftsarbeit schon vor dem Krieg behindert. Der Ausbruch der Kampfhandlungen verschärfte die Kontrolle noch.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass der Ausbruch des Krieges in ein angespanntes europäisches Klima fiel und in der Anfangsphase 1914 keine direkten und grundlegenden Auswirkungen in den betrachteten Städten mit sich brachte (mit der Ausnahme des heutigen Villeneuve d’Ascq, welches sehr schnell nach Kriegsbeginn von deutschen Truppen besetzt wurde). Dies änderte sich dann aber in den anderen Städten gegen Ende 1914 recht schnell und die Herausforderungen und Belastungen des modernen, „industrialisierten“ Krieges brachte für alle sieben Städte erhebliche Veränderungen mit sich.

Ausblick auf den weiteren Projektverlauf

Die tiefgreifenden Auswirkungen des Krieges auf das Leben der Menschen der heutigen Städte Bracknell, Jülich, Ljubljana, Leverkusen, Racibórz, Schwedt und Villeneuve d’Ascq, Einzelschicksale, lokale und regionale Besonderheiten und insbesondere die Veränderungen, die der Krieg auf die Wirtschaft, Verwaltung, politische Ordnung und Zugehörigkeit und Sozialstruktur der sieben Städte hatte, sind Gegenstand der weiteren und künftigen Aktivitäten innerhalb des europäischen Kooperationsprojektes „Der Erste Weltkrieg – Euphorie und Neuanfang: Entwicklungen und Wahrnehmungen in europäischen Städten 1914–1918“.

Der Workshop „Der Erste Weltkrieg in europäischen Heimaten“ im Frühjahr 2016 mit Vorträgen und Präsentationen wird sich mit der Darstellung der Stadtentwicklung im Ersten Weltkrieg und den Einflüssen und Auswirkungen des Krieges bzw. Kriegsverlaufes auf die jeweilige Region bzw. mit kriegsbedingten Besonderheiten in der jeweiligen Region beschäftigen. Im Rahmen des Workshops sollen Fachvorträge und Forschungsergebnisse präsentiert werden. Insbesondere besteht auch die Möglichkeit der Darstellung von besonderen Erkenntnissen, die im Rahmen der Recherchen zu den Ausstellungen gewonnen wurden.

Welche Umbrüche brachten vier Jahre Krieg hervor? Zur Vervollständigung des Blicks auf den Ersten Weltkrieg beschäftigt sich die zweite Ausstellung von September 2018 bis März 2019 mit dem Titel „1918 – Kriegsende und Neuanfang“ mit der Darstellung der Ereignisse zu Kriegsende kontrastiert mit den konkreten Entwicklungen in den verschiedenen Städten. Auch hier liegt der Fokus auf der Darstellung der Berichterstattung. Die Leitfrage der Ausstellung im Jahr 2018 lautet „Kriegsende: Ende oder Neuanfang?“

Ganz Europa wurde durch den „großen Krieg“ aus den Fugen gerissen. Der Vergleich mit 1914 wird zeigen, welche sozialen, ökonomischen, politischen Folgen dieser bis dahin nie dagewesene Konflikt auf die einzelnen Städte und Länder hatte.

Eine Publikation der OGV-Schriftenreihe „MONTANUS“ fasst die Ergebnisse beider Ausstellungen sowie des Workshops in seiner Ausgabe 18/2018 zusammen.

Während des fünfjährigen Projekts lädt ein Blog und die Webseite www.euphorie-und-neuanfang.de zur weiteren Diskussion und Auseinandersetzung mit der Thematik ein.

1918 – Europa und die sieben europäischen Heimaten – ein historischer Ausblick –

Während in Deutschland die Monarchie zusammengebrochen war und unter dem Eindruck der europäischen Neuordnung die Verfechter einer Republik auf deutschem Boden die Oberhand gewannen, hatte England durch die enorme finanzielle Belastung seine Rolle als führende Weltmacht an den größten Kreditgeber, die USA, abgegeben. Das vom Krieg verwüstete Frankreich, kaum den Sieg errungen, plante in seinen Vorbereitungen auf den Versailler Vertrag Deutschland harte Bedingungen aufzuerlegen, um einen weiteren Angriff unmöglich zu machen. Österreich-Ungarn gab es nicht mehr. Der Vielvölkerstaat zersplitterte und legte ein Puzzle an sich überschneidenden Identitäten frei. Slowenien wurde Teil des neuen Königreichs Jugoslawien, welches sich als Gegengewicht zu Italien behaupten wollte. Im östlichen Europa veränderte sich die Landkarte ebenfalls. Die Teilungen Polens aus dem 18. Jahrhundert wurden rückgängig gemacht und ein souveräner Staat entstand. Ratibor sollte im Rahmen der Volksabstimmung in Oberschlesien von 1921, Teil des deutschen Reiches bleiben. Alle diese Veränderungen waren direkte, oder indirekte Konsequenzen des Krieges. Die neu entstandenen, oder entfachten Nationalismen, und die daraus abgeleiteten territorialen Veränderungen, boten letztlich aber keine stabile Grundlage für ein friedliches Europa. Vielmehr wurde in diesen Veränderungen der Keim für den nächsten Krieg gelegt. So gehören zum gemeinsamen Erfahrungsschatz aller Europäer der hart erarbeitete Friede und die Schwierigkeiten, die dafür überwunden werden mussten.