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Ljubljana: eine Heimat im Vielvölkerstaat

Ljubljana, mit deutschen Namen Laibach, ist die Hauptstadt des heutigen Sloweniens. Die Stadt hat eine bewegte Vergangenheit. Zu Beginn des 16. Jh. war sie Hauptstadt des Herzogtums Krain, dem Zentrum der slowenisch sprechenden Bevölkerung (95%) in der Alpen-Adria-Region. Unter der zeitweiligen Vorherrschaft des napoleonischen Frankreich wurde Laibach Hauptstadt der Illyrischen Provinzen und nach deren Zusammenbruch in das Kaisertum Österreich (re)integriert. Das äußere Erscheinungsbild der Stadt war bis 1848 deutsch, dann bestimmte eine erstarkte slowenisch-nationale, christlich-soziale Bewegung zunehmend das kulturelle Leben. Zunächst noch zweisprachig, gab es ab 1908 in Ljubljana nur noch slowenisch als Umgangssprache. Die Landesverwaltung lag in slowenischer Hand, mit einer slowenischen Dominanz im Landesausschuss. Das deutschnationale Wirtschafts- und Bildungsbürgertum geriet zunehmen in die Defensive.

In den übrigen Ländern mit slowenischem Bevölkerungsanteil waren die Slowenen eine ethnische Minderheit; hier fehlten ihnen politische Partizipationsmöglichkeiten, da sie sich in der Regel aus sozial und ökonomisch schwachen ländlichen Bevölkerungsschichten rekrutierten.

Insgesamt waren die Slowenen eine der kleineren Nationalitäten des habsburgischen Vielvölkerreiches. 1910 bekannten sich 1,4 Millionen Menschen zur slowenischen Sprache, was einem Anteil von 2,6 % an der Gesamtbevölkerung der Doppelmonarchie entsprach.

In Ljubljana lebten vor dem Ersten Weltkrieg 34.000 Menschen, die slowenisch als ihre Sprache angaben und knapp 6.000 deutschsprechende Bewohner.

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts hatte Ljubljana einen Aufschwung zu verzeichnen.1849 fuhr der erste Zug von Wien nach Ljubljana, 8 Jahre später wurde die Strecke bis Triest fertiggestellt. Um die Jahrhundertwende gingen ein Wasserleitungs-, Strom- und Kanalisationsnetz sowie die Straßenbahn in Betrieb. Es entstanden Industriebetriebe, doch war die Stadt zunächst kein führendes industrielles Wirtschaftszentrum. Vor dem Weltkrieg waren ca. ein Viertel der Bevölkerung in Industrie und Handwerk beschäftigt. Haupteinnahmequelle war der Nord/Süd-Kommissionsgroßhandel.

1895 wurde die Stadt von einem verheerenden Erdbeben heimgesucht. Knapp ein Zehntel der insgesamt 1.400 Gebäude wurden zerstört. Glücklicherweise hielten sich die Opferzahlen in Grenzen. Die Katastrophe wurde als Chance begriffen, Ljubljana architektonisch und städtebaulich zu modernisieren. So entstanden im Stadtzentrum viele Paläste im neuen Jugendstil.

Die Wiederaufbauphase zwischen 1896 und 1910, auch als „Wiedererweckung Ljubljanas“ bezeichnet, wurde von umfangreichen Reformen in der Verwaltung, Gesundheit, Bildungswesen und Tourismus begleitet.

Die politischen Zukunftsvorstellungen der Slowenen in Ljubljana reichten in dieser Zeit von einer föderalen Neuordnung der Monarchie bis hin zum Traum von einer Vereinigung aller Slowenen in einem eigenen Staat. Der Erste Weltkrieg stellte die entscheidenden Weichen für die spätere Unabhängigkeit der Slowenen.

Kriegsende in Ljubljana

Nach dem Kriegseintritt Italiens im Mai 1915 wurde das heutige Slowenien zum Kriegsschauplatz. Das Kampfgeschehen konzentrierte sich im damaligen Grenzgebiet zwischen Italien und Österreich, von den Trientiner Dolomiten bis zum Fluß Isonzo (Soca). Entlang des Isonzo entstand eine neue Front, etwa 100 km von Ljubljana entfernt.  In 12 Schlachten zwischen Juni 1915 und Oktober 1917 wurde entlang der 90 Kilometer langen Frontlinie von beiden Seiten mit größter Härte ein blutiger Stellungskrieg in „Eis und Fels“ ausgetragen. 100.000 Bewohner der umliegenden slowenischen Dörfer wurden umgesiedelt, viele kamen in Flüchtlingslager im heutigen Österreich. In der österreichischen Armee kämpften rund 160.000 slowenische Soldaten. Bis 1917 fielen etwa 36.000 von ihnen, im letzten Kriegsjahr weitere 9.000.

In den ersten 11 Offensiven gelang den Italienern trotz hoher Verluste kein Durchbruch in Richtung Laibacher Becken und Triest. Da die K.u.K. Armee in elf Schlachten defensiv agiert hatte, wurde die nächste Schlacht mit Unterstützung des deutschen Verbündeten als Offensive geplant. Vor dieser letzten Isonzo-Offensive im Herbst 1917 wurde ganz Slowenien zu einem großen Aufmarschgebiet. 700.000 Armeeangehörige befanden sich in dem Land mit seinerzeit 1,3 Millionen Einwohnern. Einem sechsstündigen Trommelfeuer von schwerer Artillerie, Minenwerfern und auch Giftgasgranaten hielt die italienische Verteidigung nicht stand. Ihr Rückzug nahm den Charakter einer Flucht an. Der Sieg der Mittelmächte endete mit dem Erreichen des Plave durch die verbündeten Truppen am 10. November 1917, wo sich die Front stabilisierte. Der Feldzug hatte auch die Mittelmächte, die 65.000 Tote, Verwundete und Gefangene hatten, völlig erschöpft.

In der Bevölkerung wuchsen die Friedenssehnsucht und der Wunsch nach einer Neugestaltung der Gesellschaft. Parallel zum militärischen und ökonomischen Zusammenbruch nahm der Desintegrationsprozess der Habsburgermonarchie rasant zu. Die Slowenen mussten mit der unerfreulichen Perspektive einer Existenz in einem beidseitig der Adria ausgedehntem italienischem Großreich rechnen. Die Zukunft in einem südslawischen Staat erschien verlockender. Im August 1918 wurde ein Nationalrat für die slowenischen Länder und Istrien konstituiert, der nach dem Zerfall Österreich-Ungarns am 29. Oktober 1918 den „Staat der Slowenen, Kroaten und Serben“ (SHS-Staat) ausrief. Durch das Ende der Habsburgermonarchie wurden die Slowenen erstmals in ihrer Geschichte zum Staatsvolk. Dieser Staat war allerdings nicht von langer Dauer. Zur Abwehr italienischer Gebietsansprüche vereinigte sich das Land schon am 1. Dezember 1918 mit Serbien zum „Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen“ Hauptstadt des jugoslawischen Slowenien wurde Ljubljana.