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Ratibor: eine Heimat zwischen den Fronten

Racibórz (deutsch Ratibor), eine Stadt in der heutigen polnischen Woiwodschaft Schlesien, gehörte seit 1742 zu Preußen. Im Jahr 1914 war sie Kreisstadt im Regierungsbezirk Oppeln.

1910 hatte die Stadt rund 38.500 Einwohner, von denen 87% katholisch und10% evangelisch waren, 2% bekannten sich zur mosaischen Religion. Es gab vier katholische Kirchen und eine evangelische sowie eine Synagoge.

Knapp 23.000 Personen gaben Deutsch als Muttersprache an, 11.500 polnisch und 250 tschechisch (mährisch). 10 Presseorgane publizierten in allen 3 Sprachen. Die Ratiborer lebten in der Vorkriegszeit trotz ihrer unterschiedlichen Herkunft, Sprachen, Sitten und Religionen friedlich zusammen. Das Kultur-, Sport- und Vereinsleben blühte; mehrere Vereine engagierten sich im Sozial-, Wissenschafts- und Bildungsbereich.

Ratibor hatte ein Gymnasium, ein Realgymnasium, ein katholisches Schullehrerseminar, eine Taubstummenanstalt und war Sitz eines Landgerichts. In der Stadt war eine Garnison mit Kavallerie- und Infanterietruppen stationiert.

Der wirtschaftliche Aufschwung Ratibors hatte 1846 mit der Eröffnung der Eisenbahnverbindung von Berlin nach Wien begonnen, die über Ratibor führte. Der Bau weiterer Nebenlinien ermöglichte die Ansiedlung wichtiger Industriebetriebe (metallverarbeitendes Gewerbe, Kohlebergbau). Weiterhin gab es in Ratibor eine Eisenbahnreparaturwerkstatt.

Der Kriegsausbruch veränderte das Leben in Ratibor: Die Stadt wurde zur Heimatfront. Die Frauenvereine übernahmen in großem Umfang Hilfsmaßnahmen, richteten Lazarette ein und pflegten die Verwundeten. Die Ratiborer Presse veröffentlichte Verlustlisten mit Namen der gefallenen, verwundeten und vermissten Soldaten; als diese Listen länger wurden, stellte man Mitte 1915 den Abdruck ein. Mehrere paramilitärische Organisationen und Verbände engagierten sich durch Hilfsaktionen für die Frontsoldaten und deren Familien sowie für Familien, deren Väter im Felde geblieben waren.

Es gab auch Jungwehrkompanien, die sich aus Schülern der Ratiborer Schulen zusammensetzten. Die Inflation geriet außer Kontrolle. Die Ratiborer Kommunalbehörden waren bemüht, die Bevölkerung mit den notwendigen Lebensmitteln zu versorgen. Man organisierte auch Massenspeisungen für die ärmeren Schichten. Die Versorgungslage spitzte sich dennoch extrem zu. Die Kinder- und Müttersterblichkeit verdoppelte sich. Die Heimatfront war am Kriegsende ausgezehrt.

Kriegsende in Ratibor

Am 11. November 1918 lag das 3. Oberschlesische Infanterie-Regiment Nr. 62 nahe der belgischen Stadt Mons. Nach den Bestimmungen mussten die deutschen Truppen aus Belgien abziehen. Nach vierjährigen schweren Kämpfen erreichten die Ratibor-Einheiten des Regiments Mitte Dezember ihre Heimatgarnison.

Ähnlich aufopfernd und lang hatte die 3. Eskadron des 2. Schlesischen Husaren-Regiments „von Goetzen“ Nr. 6. gekämpft. Das Kriegsende erlebte das Regiment bei Vilnius. Das Regiment marschierte nach Pozeruny, wo es eine Bahnverbindung gab. Die Ratibor-Einheiten erreichten ihre Stadt am 17. und 18. Januar 1919.

Die Ratiborer bereiteten den Regimentern einen feierlichen, wenn auch traurigen Empfang. Das Kriegsende erinnerte an die vielen Opfer, die dieser Krieg gekostet hat. Das Infanterie-Regiment verlor 2.300 von seinen 3.300 Soldaten. Von den 450 Husaren verloren 138 ihr Leben, darunter 18 Offiziere mit dem Regimentskommandeur. Die Menschenverluste unter den Bewohnern der Stadt Ratibor betrugen 1.556 Gefallene.

Der verbliebene Teil der einst glorreichen Einheiten wurde vorübergehend demobilisiert. Nach kurzer Erholung bekamen die Ratibor-Einheiten neue Aufgaben wie die Kriegsgefangenenüberwachung oder den Grenzschutz.

Ende Juli 1919 wurden die oberschlesischen Regimenter und somit auch die Ratiborer-Einheiten laut Versailler Vertrag aufgelöst. Ein Teil der Soldaten ging in die entstehende Reichswehr, einige in das neu gebildete 11. Preußischen Reiter-Regiment; viele dienten später während der oberschlesischen Aufstände in Freiwilligen-Einheiten.

Die Ratiborer Garnison hörte auf zu existieren. Ratibor verlor die wichtige Funktion einer Garnisonsstadt, die es seit 180 Jahren innehatte.

Schlimmer für die Stadt und den Kreis Ratibor war deren Zerstückelung und Dreiteilung nach Inkrafttreten des Versailler Friedensvertrages am 10. Januar 1920. Aus der neugebildeten Provinz Oberschlesien mit Hauptsitz Oppeln wurde das Hultschiner Ländchen - der südliche Teil des Ratiborer Kreises - der neu gegründeten Tschechoslowakischen Republik zugeschlagen. Nach Volksabstimmung wurde ein Teil der Ortschaften vom Kreis Ratibor abgetrennt und der wiederberufenen Republik Polen zugeordnet. In Ratibor Stadt stimmten 88% der Stimmberechtigten für einen Verbleib im Deutschen Reich. Die Abstimmungen waren von bürgerkriegsähnlichen Aufständen begleitet.

Für die Stadt und den Kreis Ratibor war der Erste Weltkrieg eine Katastrophe. Der Kreis Ratibor verlor mehr als die Hälfte seiner Gemeinden. Die Stadt Ratibor verlor als gewerblicher Mittelpunkt ihre Bedeutung. Die neuen Staatsgrenzen trennten Firmen und Menschen.