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Schwedt: eine borussische Heimat

Schwedt an der Oder war vor dem Ersten Weltkrieg eine Kleinstadt mit 9.482 Einwohnern (1910) im Kreis Angermünde im preußischen Regierungsbezirk Potsdam in der Provinz Brandenburg. Ende des 17. Jahrhunderts begründeten französische Hugenotten in Schwedt die Tradition des Tabakanbaus. Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden in Schwedt die ersten Zigarrenfabriken. Vor dem Ersten Weltkrieg erreichte die Tabakindustrie mit je zehn Zigarren- und Tabakfabriken ihren Höhepunkt. Ein Drittel der Bevölkerung fand hier Beschäftigung.

Schwedt war von jeher ein wichtiger Handelsplatz und Zentrum der Oderschifffahrt. Wegen deren wirtschaftlicher Bedeutung für die Region wurde die Stadt im Jahre 1871 an das Eisenbahnnetz angeschlossen. Am 17. Juni 1906 eröffnete Kaiser Wilhelm II. die Oder-Havel-Wasserstraße für den Schiffsverkehr, durch die in Schwedt beide Flüsse verbunden wurden. Der nun einsetzende wirtschaftliche Aufschwung führte zur Errichtung einer Kartoffeltrocknungsfabrik.

Seit 1770 war Schwedt Garnisonsstadt. Die Bedeutung des Militärs für die Stadt am Vorabend des Ersten Weltkriegs zeigte sich in verschiedenen Schauprogrammen auf dem Exerzierplatz, wie Kunstflugdemonstrationen oder das Überfliegen von Luftschiffen.

Die Schwedter Garnison wurde schon am 2. August 1914 mobilisiert. Aufgrund der Kriegslage an der Ostfront richtete man bereits im September im Schloss der Hohenzollern ein Reservelazarett ein. Die ersten Verwundeten trafen 14 Tage später ein.

Die „Schwedter Dragoner“ wurden im Laufe des Krieges sowohl an der West- als auch an der Ostfront eingesetzt: 1914 in Frankreich und Belgien (in Schlachten an der Marne, an der Aisne, bei Noyon, an der Somme, in Flandern und anderen Orten). Zum Winterfeldzug 1914/1915 wurden sie nach Polen abkommandiert. 1915 folgten Einsätze in Litauen und im Kurland, 1916/1917 in Rumänien, ab März 1917 wieder an der Westfront. Mit Orden ausgezeichnete Soldaten wurden regelmäßig in der Tagespresse gewürdigt.

An der Heimatfront trugen Frauen und Kinder mit großer Hilfsbereitschaft, Leidensfähigkeit und vielen Entbehrungen ihren Teil zur Unterstützung der Soldaten im Kampf bei, bis das Kaiserreich nach 4 Jahren eines blutigen Krieges im November 1918 zusammenbrach.

Kriegsende in Schwedt

Das Brandenburgische Dragoner-Regiment Nr. 2 aus Schwedt („Schwedter Dragoner“), das seit dem Kriegsausbruch 1914 an der West- und Ostfront im Einsatz war, trat am 17. November 1918 den Rückmarsch an. Kurz vor Weihnachten trafen 14 Offiziere, 271 Männer, 150 Pferde und 33 Fahrzeuge auf dem Schwedter Bahnhof ein. 297 Schwedter Dragoner waren auf den Schlachtfeldern geblieben. Es gab keinen offiziellen Empfang, doch kamen Verwandte, Freunde und verwundete Kameraden zum Bahnhof.

1919 wurde das Dragonerregiment aufgelöst und teilweise der Reichswehr angegliedert. Als Kavallerie-Regiment Nr. 15 und später als Reiterregiment Nr. 6 blieb eine Nachfolgeeinheit der Dragoner in der Stadt stationiert. In Schwedt, Stettin und Berlin gegründeten sich Vereine ehemaliger Dragoner.

Das Lazarett im Schloss mit zuletzt noch drei Kriegsgefangenen wurde Ende März 1919 aufgelöst. Das Schwedter Schloss blieb im Besitz der Hohenzollern. Es wurden dort Mietwohnungen eingerichtet. Nur in einem kleinen Teil blieben die Schlossräume erhalten. Am 30. Januar 1920 war der erste Schwedter aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt.

Zur Milderung der Wohnungsnot wurde 1919 ein gemeinnütziger Bauverein gegründet, der eine Mehrfamilienhaussiedlung mit zeitgemäßen Wohnungen errichtete. Zu Beginn 1920 entstand ferner auf dem alten Regimentsexerzierplatz die Siedlung „Eigene Scholle“.

Am 15. Mai 1919 endete in Schwedt die halbjährige Herrschaft des Arbeiter- und Soldatenrats. Im 20-köpfigen Stadtparlament konstituierten sich eine reaktionäre Rechte und eine teils radikale Linke.

Vom 13. bis zum 21. März 1920 wurde Schwedt in den Kapp-Putsch hineingezogen. Der Belagerungszustand wurde ausgerufen, die offizielle Gewalt ging auf das Militär über. Mit einem Generalstreik, Arbeiterkontrollposten, Kundgebungen und Märschen protestierten zahlreiche Schwedter Bürger gegen die Putschisten. Nach Aufhebung des Belagerungszustandes beendeten die Schwedter den Streik.

Für die im Weltkrieg gefallenen Schwedter Soldaten wurde 1920 eine namentliche Gedenktafel in der ehemaligen französisch-reformierten Kirche angebracht. Für die gefallenen Dragoner enthüllte der Schwedter Heimatverein 1923 einen Gedenkstein auf dem Paradeplatz.