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Kinder erleben Krieg

Der Krieg prägte Kinder und Jugendliche, von Kriegsspielen bis zum Heldentod. 

  • Wie sah die Kindheit im Krieg aus?
  • Wie gestaltete sich der Schulunterricht?
  • Wie wurden die Kinder und Jugendlichen zur Kriegsbegeisterung manipuliert und zur Kriegsunterstützung mobilisiert?
  • Warum kam es häufig zu sozialen Notlagen, Vernachlässigung und Verwahrlosung?
  • Welche Zwänge und Freiräume hatten sie?
  • Warum zogen viele Jugendliche freiwillig in den Krieg?
  • Warum wurden andere kriminell oder radikalisierten sich?
  • Wie erlebten sie das Ende des Krieges?

KINDER ERLEBEN KRIEG IN LEVERKUSEN

Die Kinder und Jugendliche empfanden den Krieg anfangs als großes Abenteuer. Kriegsspielzeug fand reißenden Absatz. In der Jugendliteratur rückte der Krieg in den Mittelpunkt. Das Nachspielen des Krieges wurde zur verbreiteten Freizeitgestaltung.
Zur Kriegsbegeisterung trug die Schule wesentlich bei. Die Lehrer vermittelten in allen Fächern die „Erfolge“ der deutschen Armee und verbreiteten Siegesgewissheit. Die Oberstufenschüler wurden zu einem Kriegsabitur gedrängt, um sich schnell freiwillig zur Front melden zu können.
Im weiteren Kriegsverlauf wurden die Schüler verstärkt propagandistisch beeinflusst und zur Unterstützung der Front mobilisiert. So sammelten Wiesdorfer Schulkinder Brennnesseln zur Faserherstellung für Heeresbekleidung. Schülerinnen des Opladener Marianums nähten Kleidungsstücke für die Soldaten im Feld. Schüler sammelten Geld oder Sachspenden und sandten „Liebesgaben“ an die Frontsoldaten. Sie leisteten Ernteeinsätze und halfen in Lazaretten.
Die Begeisterung ließ jedoch nach. Immer öfter wurden eingezogene Lehrer nicht mehr ersetzt und es fielen vermehrt Unterrichtstunden aus. In der Opladener Berufsschule wurde der berufsfachliche Unterricht ganz gestrichen. Die Schüler mussten in den Betrieben fehlende Arbeitskräfte ersetzen. Die dadurch verursachten Schulversäumnisse stiegen auf bis zu 50% an.
Der Schüleralltag wurde auch von den familiären Verhältnissen geprägt. Die Väter waren lange abwesend oder gefallen, die Mütter überlastet, das Elend groß. Unterernährung, Vernachlässigung und Verwahrlosung nahmen zu. Immer mehr schulpflichtige Kinder fehlten unentschuldigt. Jugendliche wurden vermehrt mit Raub und Diebstählen straffällig.
Teilweise gelang eine Disziplinierung durch vormilitärische „Jugendkompagnien“. In Wiesdorf hatten die Farbenfabriken Bayer schon kurz nach Kriegsbeginn eine Kompagnie gegründet, die viele Freizeitaktivitäten bot.
Die „vaterlosen“ Jugendlichen hatten auch Chancen der frühen Verselbstständigung. Höhere Töchter engagierten sich in Lazaretten oder in der sozialen Fürsorge. Ältere Knaben übernahmen den Hof oder konnten in den Rüstungsbetrieben früh ihren eigenen Lebensunterhalt verdienen.

KINDER ERLEBEN KRIEG IN JÜLICH

Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde der Unterricht am Königlichen Gymnasium in Jülich auf die neue Situation hin ausgerichtet. Im Schulbericht liest man dazu: „Die Kriegsereignisse fanden auch im Unterricht Berücksichtigung. Solange die Meldungen der Heeresleitung morgens erfolgten, wurden sie in der Anstalt ausgehängt.“ Die Schulleitung forderte: „Die Lehrer sollen im Unterricht die große Zeit, in der wir jetzt leben, nicht unerwähnt lassen...“. Aufsatzthemen in der Oberstufe waren jetzt: „Der Krieg hat auch seine Ehre“, „Wie äußert sich wahre Vaterlandsliebe?“ oder „Nichtswürdig ist die Nation, die nicht alles freudig setzt an ihre Ehre“.

Den Truppenaufmarsch in Jülich begleiteten die Schüler, in dem sie sich nützlich machten als Boten, Führer und beim Einsammeln von Liebesgaben. Die patriotische Grundstimmung führte dazu, dass sich Lehrer und ältere Schüler freiwillig an die Front meldeten. Mit „Notreifeprüfungen“ wurde der Wunsch nach möglichst raschem Einzug zum Militär entsprochen.

Schüler wurden auch zum Ernteeinsatz abkommandiert, um die fehlende Arbeitskraft der an der Front befindlichen Männer aufzufangen. Mitunter fanden diese Einsätze auch in besetzten Gebieten statt. So arbeiteten Schüler aus Jülich von August bis September 1917 im besetzten Frankreich bei der Obsternte mit und nahmen dort zudem an paramilitärischen Übungen teil. Die Schule sah diesen „Vaterländischen Hilfsdienst“ insoweit mit einem gewissen Vorbehalt, dass die schulischen Leistungen in Einzelfällen darunter litten. Laut gesagt wurde das aber nicht. Vielmehr kamen die Schüler auch zum Einsatz, um für die Zeichnung von Kriegsanleihen zu werben.

Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs und der Etablierung einer demokratischen Verfassung, sah sich die Schule mit ganz neuen Herausforderungen konfrontiert. Die im Kaiserreich sozialisierten Lehrer sollten nun die Demokratie vorleben, was auch die Einräumung der elterlichen Mitbestimmung umfasste.

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang das Agieren der Franziskanerinnen aus Olpe, die seit 1896 eine Höhere Mädchenschule in Jülich unterhielten. In der Schulchronik wird festgehalten, dass die Schwestern des St. Joseph-Instituts ihrer staatsbürgerlichen Pflicht entsprachen und im Januar 1919 an der Wahl zur Nationalversammlung teilnahmen. Zudem gibt die Chronistin an, dass die Schwestern aus ihrer christlichen Grundhaltung heraus selbstredend der Zentrums-Partei ihre Stimmen gegeben hatten. Die Einrichtung eines Elternbeirats begrüßte man, da das Miteinander der Eltern und der Lehrer bei der Erziehung der Schülerinnen einen positiven Effekt zeitigen würde.

KINDER ERLEBEN KRIEG IN VILLENEUVE D’ASCQ

Kinder sind die Verlierer in jedem Krieg. Unfähig, sich selbst zu schützen, bedürfen sie der Fürsorge ihrer Eltern. Diese sind aber regelmäßig in die Kriegswirren verstrickt. Wenn Kinder im Krieg groß werden müssen, sind sie für ihr Leben gezeichnet.

Auszüge aus einem Brief von Jean Carrière, geboren 1901, an seinen Vater Anatole Carrière, der 1914 nach Firminy/Loire in einen Rüstungsbetrieb versetzt wurde. Darin beschreibt er seine Lage in Erwartung der Wiederkehr des  Vaters: 

Ascq 23.11.1918

Cher petit Père bien aimé,

Du wirst keinen Familienschmuck mehr sehen oder eher doch, alles ist wieder zurück, aus den Verstecken… Denn wir haben sie angeschmiert, diese „Boches“, lieber Papa, keine Sorge um das Haus, die „Boches“ haben nur einige Matratzen entwendet, 15kg Mehl und Wein (nicht von uns, sondern von unserer  Nachbarin Delebarre). Sie haben nicht ein Stück unseres Familienschmuckes gefunden. Ich habe alles vergraben…

Du fragst, weshalb wir unten geschlafen haben; Du musst wissen, dass die „Boches“ auf der „Grand-route“ einen kleinen Flugplatz errichtet haben, was uns den Besuch feindlicher Flieger mit ihren Bomben einbrachte. Von unseren Betten sahen wir die Bordkanonen, Maschinengewehrfeuer und hörten die Detonation der Bomben. Unmöglich zu schlafen! Manchmal mussten wir in die Keller… ein Mal, drei Mal in der Nacht: um 11.00 Uhr, 1.00 Uhr und 3.00 Uhr. Der „Boche“, der bei uns wohnte, war der erste im Keller … barfuß. Wir waren nicht sicher oben, denn auf dem Dach von Victor Forumestraux waren zwei Flugabwehrbatterien installiert … Brrr!

Du willst etwas über die jetzige Versorgungssituation wissen! Da gibt es nichts …kein Brennmaterial, keine Lebensmittel, kein Vieh, aber die Mutter ist immer fleißig wie eine Biene gewesen und die Engländer versorgen uns mit Fleischkonserven (…)

Du wirst Dich bald in unsere Situation unter den „Boches“ hineinversetzen können!!

Deshalb, lieber Papa, wenn Du in Dein geliebtes Zuhause zurückkommst, sei nicht erstaunt, wenn Du blasse ausgemergelte Gesichter siehst. Jeder ist in dieser Situation: Das Glück und ein wenig Wohlstand werden uns wieder aufrichten. Die Entbehrungen waren der Grund, aber unsere Gesundheit ist ausgezeichnet, sei da ganz sicher. Ich fange an zu schwatzen und bemerke, dass ich nur noch Platz habe, Dir beste Grüße zu senden und Dich zu bitten, für mich aus der Ferne zu beten.

Dein Dir sehr verbundener Sohn, der sich nach Deiner Rückkehr sehnt.

Jeannot

Jean Carrière (rechts im Foto) mit einem anderen Jugendlichen aus Ascq  am  8.10.1918. Im Kriegsverlauf nicht unmittelbar zur Zwangsarbeit herangezogen, sieht er sich als „Hüter“ des Hauses in Abwehr der deutschen Besatzer. Aber auch er wird zum Schluss zur Geisel der Besatzungstruppen!