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Kirchen: Erfüllungsgehilfen von Staat und Militär?

Im Ersten Weltkrieg kamen von den Kirchen keine Friedensappelle, sondern Aufrufe, den Krieg zu unterstützen. Das Eintreten der Kirchen für den „gerechten Verteidigungskrieg“ zum Schutz von Land und Volk wurde zur Pflicht gegenüber Gott erklärt. 

  • Wie kam es zur Preisgabe des christlichen Menschenbildes, zur Verknüpfung von Gott, Nation und Krieg?
  • Welche Gründe hatten die Kirchen zur vorbehaltlosen Unterstützung der kämpfenden Nation?
  • Welches Verhältnis hatten die Gläubigen zu ihrer Kirche im Krieg?
  • Gab es kirchliche Stimmen gegen den Krieg? 
  • Welche Rolle spielten die Kirchen im Kriegsverlauf, zum Kriegsende und in der Nachkriegszeit?

KIRCHEN: „ERFÜLLUNGSGEHILFEN“ VON STAAT UND MILITÄR IN LEVERKUSEN?

Die evangelische und katholische Kirche Deutschlands begrüßte den Krieg als gottgewollte Verteidigung von Heimat, Nation und Volk. In den Kriegspredigten war Deutschland überfallen worden und Gott war auf seiner Seite. „Mit Gott für Volk und Vaterland“ – die kirchliche Rhetorik gab den Regierenden und Oberbefehlshabern eine Rechtfertigung für den Krieg.

Für die evangelische Kirche lag die Kriegsbejahung nahe, da Thron und Altar eng verzahnt waren; Kaiser Wilhelm II. war oberster Bischof Preußens. Die Katholiken hofften, sich vom Verdacht der Papsthörigkeit zu lösen und ihre nationale Verlässlichkeit unter Beweis zu stellen. Beide sahen in der äußeren Bedrohung die Chance für eine innere Erneuerung.

Aus Kriegsbegeisterung und Pflichtbewusstsein meldeten sich rheinische Pfarrer und Theologiestudenten freiwillig als Feldgeistliche oder zum Dienst an der Waffe; 20 von ihnen starben im Fronteinsatz.

An der Heimatfront waren die Gottesdienste im ersten Kriegsjahr gut besucht. Es gab Zusatzangebote wie Glockenabschiede oder Kriegsgebetsstunden. In das Gebet der evangelischen rheinischen Gemeinden wurde der Passus aufgenommen „Segne die gesamte deutsche Kriegsmacht. Führe uns zum Siege...“. Doch je länger der Krieg dauerte, je mehr Soldaten starben oder verwundet wurden, desto weniger gelang es den Kirchen, Trost und Zuspruch zu vermitteln. Die Durchhalteparolen wurden verhaltener, die zuvor markigen und pathetischen Predigten wurden leiser und nachdenklicher, betonten mehr das Leiden und das Sterben für das Vaterland in Analogie zum Opfertod Christi.

Nur wenige Christen forderten ein Ende des Krieges; in Rom wandte sich Papst Benedikt XV vergeblich gegen das Blutvergießen. Auch seine Friedensinitiative im Jahr 1917 bewirkte nichts.

Nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs besiegelte die Weimarer Verfassung von 1919 die Trennung von Staat und Kirche. Gleichzeitig kam es zu massenhaften Kirchenaustritten. Allein 1920 verließen 314.000 von etwa 60 Millionen Mitgliedern ihre Kirche, im folgenden Jahrzehnt jährlich 180.000. Austrittsgründe waren die Befürwortung des Krieges durch die Kirchen, deren politische Bindung an konservative Kräfte verbunden mit wachsender Distanz zur Arbeiterbewegung und die Agitation von Freidenkerorganisationen. Im ersten Hirtenbrief nach dem Krieg beklagte die katholische Kirche schwindenden Einfluss und materielle Einbußen. Die Millionen Gefallenen, Krüppel, Witwen und Waisen wurden nur am Rande erwähnt.

KIRCHEN: „ERFÜLLUNGSGEHILFEN“ VON STAAT UND MILITÄR IN VILLENEUVE D’ASCQ?

1905 wurde vom französischen Parlament das Gesetz zur Trennung von Kirche und Staat (Laizitäts-Prinzip) verabschiedet. Es garantierte dem Einzelnen Religionsfreiheit, beschränkte diese jedoch auf den privaten Bereich. Religion und Zivilgesellschaft wurden strikt voneinander getrennt. Trotz alledem blieb Frankreich ein mehrheitlich katholisches Land.

In den Gemeinden Ascq, Annappes und Flers war der katholische Glaube fest verankert. Die Kirche blieb daher in den Jahren der deutschen Besetzung neben dem Rathaus die wichtigste Institution für die Bewohner. Sie war der einzig verbliebene, öffentlich zugängliche Ort, wo es erlaubt war, sich zu treffen. Sie war ein Hort innerer Sammlung und gab seelischen Halt. Besondere Messen, die Jeanne d’Arc (am 8. Mai) und dem „Sacré Cœur“ (dem Heiligen Herzen Jesu am 3. Freitag nach Pfingsten) gewidmet waren, motivierten die Gläubigen in ihrer Hoffnung. Einige Gottesdienste wurden in Erinnerung an gefallene Soldaten aus Ascq gehalten, deren Tod man oft viel zu spät erfuhr.

In der Kirche Saint Pierre von Ascq war der Priester Géry Rogé seit 1900 im Amt; er war die wichtigste Person der Gemeinde, der den Bewohnern Zuflucht und Schutz vor den deutschen Besatzern vermittelte.

Im Oktober 1914 weigerte er sich vergeblich, seine Kirche preußischen Soldaten für evangelische Gottesdienste zur Verfügung zu stellen. Seit Ende Oktober beanspruchte der deutsche Kommandant die Kirche oft für seine Truppen; Priester Rogé musste den Befehlen nachkommen.

Im Juni 1915 unterstützte Géry Rogé mit dem Bürgermeister von Ascq, Jean-Baptiste Vincent, junge Leute, die sich geweigert hatten, in dem befohlenen Arbeitseinsatz die Holzgeflechte für die deutschen Schützengräben herzustellen. Oberst Holtz, der Kommandant des Bezirks Lille, drohte den jungen Männern die Deportation in ein deutsches Internierungslager an. Einige von ihnen wurden verhaftet, einige Väter und der Priester, der schlichten sollte, als Geiseln genommen. Es gelang ihm, die deutschen Besatzer zum Einlenken zu bringen.

Der Priester symbolisierte einen gewissen Widerstand gegen die Besatzer; er wurde verschiedenen Schikanen ausgesetzt, verhaftet wurde er nicht.

Im Februar 1917 konnte er die Demontage der Kirchenglocken in Ascq nicht verhindern. Es warensechs kleine eines Glockenspiels und zwei große Glocken. Sie sollten zu Rüstungsgütern umgeschmolzen werden.

Auch die Geiselnahme der Männer am Ende des Krieges (allein aus Ascq 327 Personen im Alter von 15 bis 60 Jahren) und ihr erzwungener  Marsch auf der „Grand route“ nach Belgien als „Schutzschilde“ vor  Fliegern der siegreichen Mächte, konnte er  nicht abwenden. Die alliierten Truppen befreiten Ascq am 18. Oktober 1918. Der Militärgeistliche des portugiesischen Regiments suchte unmittelbar Kontakt mit dem Priester Rogé, der ihn drei Wochen beherbergte.