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Militär wird im Krieg zum Teil des Alltags

Die militärische Historie der einzelnen Städte war sehr unterschiedlich. Teils waren es alte Garnisonsstädte oder Festungsstädte, oft mit traditionellen Ausbildungsstätten (Offiziers-, Unteroffiziersschulen). Andere waren Eisenbahnknotenpunkte, die als Aufmarschgebiete oder Zwischenstationen auf dem Weg zur Front dienten. Manche Städte hatten militärnahe Institutionen wie Reichsbahnausbesserungswerke. In fast allen Städten gab es Lazarette für die vielen Verwundeten.

  • Es ist zu fragen, welche Bedeutung das Militär in diesen Städten und für sie hatte.
  • Wie veränderte das Militär das Leben in diesen Städten im Krieg?
  • Wie erlebte die Bevölkerung das Kriegsende?
  • Was geschah nach dem Waffenstillstand bzw. Friedensschluss?

MILITÄR WIRD IM KRIEG ZUM TEIL DES ALLTAGS IN LEVERKUSEN

Nach der „glänzend verlaufenen“ Mobilmachung war Opladen durch seine drei Eisenbahnlinien ein Haltepunkt der zur Westfront durchreisenden Truppen. Die Militärverwaltung lobte die reibungslose Verpflegung der Soldaten.

Während des Krieges wurden in Leverkusen vier Ersatzlazarette betrieben (Rotes Kreuz in der Wiesdorfer Hauptverwaltung der Farbenfabriken BAYER, Ordenslyzeum Marianum in der Schulturnhalle und katholisches Krankenhaus in Opladen sowie Rotes Kreuz in der Turnhalle Bergisch Neukirchen).

Militärische Bedeutung hatte Opladen auch durch seine „Königliche Eisenbahn-Hauptwerkstätte“. Die Lokwerkstätte war voll ausgelastet, ebenso die Wagenwerkstatt, in der die Waggons für zahllose Transporte von Truppen, Pferden und Kriegsgerät ausgerüstet wurden.

Im Januar 1915 brachte die Heeresverwaltung auf dem Gelände der Eisenbahnhauptwerkstätte einen Zugmaschinenpark unter, der1917 mit eigenem Gleisanschluss erweitert wurde und 1800 Soldaten beschäftigte. Opladen war zuständig für die Zugmaschinen der Fußartillerie, die erstmals in diesem Krieg anstelle von Pferden eingesetzt wurden. Zum Kriegsende verkaufte die Heeresverwaltung die Anlagen an die Hauptwerkstätte, um der Beschlagnahme durch die Alliierten zu entgehen.

In der Novemberrevolution spielte der Zugmaschinenpark eine unrühmliche Rolle. Es heißt in der Chronik der Volksschule Opladen-Quettingen vom 9. November 1918: „Vier Matrosen, die von Köln kamen, entzündeten das Feuer des Aufruhrs unter 1800 Soldaten des Maschinenparks Opladen. Mittags wird das Magazin geplündert, die Kammer ausgeraubt.“ Am Abend wurde ein Arbeiter- und Soldatenrat gebildet, der am folgenden Tag die Macht übernahm.

Aus der Westfront fluteten jetzt die Soldaten der deutschen Armeen Richtung Osten, um die entmilitarisierte Rheinland-Zone in der gesetzten Frist von 14 Tagen zu verlassen. Sie liefen überwiegend zu Fuß, das Eisenbahnwesen war völlig zusammengebrochen. Viele wählten Wiesdorf oder Opladen als Zwischenstation, wo sie von zahlreichen Bewohnern wie Sieger empfangen wurden; der Mythos von der im Felde unbesiegten Armee entsteht.

MILITÄR WIRD IM KRIEG ZUM TEIL DES ALLTAGS IN BRACKNELL

24 Stunden nach der Kriegserklärung erfolgte die Mobilmachung der Marine. Die Reservisten der Armee sowie die Angehörigen der Territorial Army standen in Bereitschaft. Die „Territorials“ brachen ihr gerade eröffnetes jährliches Lager ab. Die Berkshire Yeomanry, ein Kavallerieverband der Territorial Army, ritt durch Bracknell.

Es herrschte das Gefühl vor, dass „alles vor Weihnachten zu Ende sei.“ Die freiwilligen Rekruten aus Bracknell eilten zu den Annahmestellen, um den Kanal zu überqueren und den „Hunnen eine blutige Nase zu verpassen“.

Bracknell war bei Kriegsbeginn eine kleine Marktstadt, zu klein, um die Berechtigung für eine eigene Rekrutierungshalle für Freiwillige zu haben, die zur Pferdrennbahn nach Ascot, zum Rathaus nach Wokingham oder zu den Baracken des Royal Berkshire Regiments reisen mussten.

In der örtlichen Victoria Hall wurde ein Lazarett eingerichtet, das später umzog. Da in dem kleinen Hospital nur 14 Offiziere behandelt werden konnten, wurde es dem zentralen Kriegslazarett in Reading angegliedert. Während des ganzen Krieges gab es Spendenaktionen für Kriegsopfer und besondere Veranstaltungen für Kinder mit Vätern an der Front sowie für Soldaten auf Heimaturlaub.

Bracknell war zeitweise Aufmarschgebiet für die Armee. Nahezu 1000 Mann des West Kent Regiments wurden im Januar 1915 in lokalen Häusern untergebracht, zwei Monate später 200 königliche Ingenieure.

Die Wehrpflicht wurde in Britannien im Januar 1916 eingeführt.

Nach dem Ende des Krieges waren Kriegsgefangene die ersten Männer, die zurückkehrten. Erst im Juni 1919 betraten die letzten Soldaten des Royal Berkshire Regiments britischen Boden.

Das Leben fand schnell zur Normalität zurück. Für einige Veteranen war die Anpassung an das heimische Leben schwierig. Es wurde über mehrere Fälle von Diebstahl, Körperverletzung, Trunksucht, Amnesie, Landstreicherei sowie über einige Selbstmorde berichtet. Vereinzelt wurden Fälle von Malaria und Schlafkrankheit in lokalen Krankenhäusern diagnostiziert. Am 11. November 1919 um 11:00 Uhr wurde im ganzen Land eine Schweigeminute eingelegt, um an den Waffenstillstand zu erinnern. Obgleich die meisten Männer nur widerstrebend über ihre Erfahrungen sprachen, veröffentlichte ein Berkshire-Mann im Februar 1920 seinen Kriegsbericht, in dem die Öffentlichkeit erstmals erfuhr, was sich wirklich an der Front ereignet hatte.

MILITÄR WIRD IM KRIEG ZUM TEIL DES ALLTAGS IN BRACKNELL: Der Soldat F. W. Francis Harris

Frederick William Francis Harris, genannt Francis, wurde 1897 in Easthampstead als eines von vier Kindern seiner Familie geboren. Nachdem er die Schule verlassen hatte, arbeitete er eine Zeit lang als Bankangestellter.

1915 trat Harris in High Wycombe dem 14th Bataillon des Londoner Regiments bei. Er wurde im folgenden März mobilisiert und nach drei Monaten Training am 21. Juni 1915 von Southampton nach Le Havre verschifft. In Frankreich war das Bataillon nicht in größere Kampfhandlungen verwickelt und wurde im November nach Thessaloniki verlegt. Davor jedoch, am 19. Oktober, wurde das Bataillon für sechs Tage an die Frontlinie nahe Bray-sur-Somme im Südosten von Albert verlegt. Im Kriegstagebuch für den nächsten Tag steht: „In den Gräben, 3 getötet, 7 verwundet.“

Francis Harris war einer der drei getöteten und wurde auf dem Maroeuil British Cemetery bestattet. Es ist interessant die Liste der persönlichen Dinge zu studieren, welche an seine Angehörigen geschickt wurden, da diese einen Einblick geben, den man in solchen Fällen selten erhält. Bei Harris waren dies eine Erkennungsmarke (jeder Soldat trug zwei Erkennungsmarken, eine davon wurde vor der Bestattung entfernt), Briefe, Fotos, religiöse Schriften, ein Scheckheft, ein Kartenetui mit Haaren (von seiner Freundin?), zwei Adressbücher, Schlüssel und eine Zigarettenschachtel.

MILITÄR WIRD IM KRIEG ZUM TEIL DES ALLTAGS IN JÜLICH

Als alte Festungsstadt und Garnisonsstandort verfügte Jülich über eine ausgeprägte militärische Infrastruktur. Insoweit verwundert es weiter nicht, dass die Stadt eine wichtige Relaisstation bei der Truppenverlegung in den Westen bildete.

In Jülich und seiner näheren Umgebung wurde das Reserve-Infanterie-Regiment 68 ausgehoben, das vor allem an der Westfront kämpfte. Da mit dem Kriegsbeginn der schon vorher gefasste Beschluss zur Auflösung des Jülicher Standortes einer Unteroffizier- und einer Unteroffiziervorschule umgesetzt wurde, waren nun genug Räume für reguläre Truppen frei. In Jülich wurde das 1. Ersatz-Bataillon des Reserve-Infanterie-Regiments 65 stationiert. Unter ihrem Kommandanten Major Schell übte man auf den Schießbahnen im Wallgraben der Zitadelle den Umgang mit Gewehren. Auf der Freifläche nördlich der Zitadelle, dem so genannten Artilleriefahrplatz, und auf der Merscher Höhe wurden in geradezu mustergültiger Weise zu Übungszwecken Schützengräben und Verschanzungen angelegt.

Als Major Schell im Februar 1918 in den Ruhestand versetzt wurde, schenkte man ihm ein aufwändig gestaltetes Fotoalbum, das den Alltag der Truppe dokumentierte. Die hohe Wertschätzung, die Schell genoss, hatte damit zu tun, dass er die ihm unterstehenden Soldaten früh angehalten hatte, auf allen zur Verfügung stehenden Flächen in und um die Zitadelle sowie am Brückenkopf Obst und Gemüse anzubauen sowie Schweine und Kaninchen zu halten. Zahlreiche Fotos im Schell‘schen Erinnerungsalbum zeigen die Soldaten bei der Gartenarbeit und beim Verarbeiten des Gemüses. Im harten Steckrübenwinter 1916/1917 mussten die in Jülich stationierten Soldaten keinen Hunger leiden.

Die Stadt Jülich und ihre Einwohner waren im Umgang mit Militär gut geübt. Regelmäßig wurden Liebesgaben für die im Feld stehenden Jülicher gesammelt. In den Kriegsjahren gab die Stadt jährlich „Weihnachtsgrüße aus der Heimat“ „Ihren Feldgrauen draußen gewidmet“ heraus. Zudem ernannte man den Sohn des ehemaligen Jülicher Progymnasialdirektors Joseph Kuhl, General Hermann von Kuhl, 1917 zum Ehrenbürger. An der patriotischen Haltung der Jülicher sollte wohl kein Zweifel aufkommen.

Mit dem im November 1918 geschlossenen Waffenstillstand fluteten durch Jülich die von der Westfront zurückkehrenden Truppen. An der Brücke über die Rur wurden sie von einem Schild mit der aus heutiger Sicht diskussionswürdigen Aufschrift „Den unbesiegten Truppen Gruß und Dank! Die Stadt Jülich“ begrüßt. Ihnen folgten nahezu unmittelbar belgische Besatzungstruppen. Nun wurde das Verhältnis der Jülicher zum Militär auf eine harte Probe gestellt.

MILITÄR WIRD IM KRIEG ZUM TEIL DES ALLTAGS IN JÜLICH: Hermann von Kuhl

Im Jahr 1917 ernannte die Stadt Jülich den Chef des Generalstabs der 6. Armee, den General der Infanterie Hermann von Kuhl (1856–1958), zu ihrem Ehrenbürger. Sie ehrte damit einen hochrangigen Militär, der obgleich in Koblenz geboren, seine erste Schulzeit und Jugend in Jülich verbracht hatte. Sein Vater, Joseph Kuhl (1830–1906), war hier nämlich seit 1862 Direktor des städtischen Progymnasiums gewesen. Hermann von Kuhl, der 1913 in den erblichen Adelsstand erhoben worden war, hatte seit 1873 Philosophie, klassische und germanistische Philologie sowie vergleichende Sprachwissenschaften studiert. 1878 schloss er in Tübingen sein Studium mit einer Dissertation über salisches Liedgut ab. Erst danach trat er in das preußische Militär ein. Es begann eine steile Karriere, die ihn 1897 in den Großen Generalstab führte. Hier wirkte er unter Generalfeldmarschall Alfred Graf von Schlieffen, der große Stücke auf ihn hielt. Kuhl arbeitete den sog. Schlieffen-Plan mit aus, der bei einem möglichen Zweifrontenkrieg für den raschen Sieg gegen Frankreich im Westen sorgen sollte.

Mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs war Kuhl nun als Generalstabschef der 1. Armee mit verantwortlich für die Umsetzung des Schlieffenplans. Das Scheitern des raschen Vormarsches in der Marneschlacht bewegte Kuhl sein ganzes weiteres Leben. 1916 mit dem militärischen „Orden pour le Mérite“ ausgezeichnet, bedeutete das Kriegsende auch seinen Abschied vom Heer. Damit begann die zweite Karriere Kuhls als viel gerühmter Autor von Schriften über den Ersten Weltkrieg, die 1929 in einer zweibändigen Gesamtdarstellung gipfelten. Für seine literarischen Arbeiten wurde er 1924 mit dem zivilen „Orden pour le Mérite“ geehrt. Kuhl gehörte seit 1919 der von der Nationalversammlung eingesetzten Kommission an, die die Gründe für die Kriegsniederlage eruieren sollte. Sein Tonfall war weniger revanchistisch als der einiger seiner Zeitgenossen, die auch politisch stark engagiert waren, wie z.B. Erich Ludendorff. Dennoch war Kuhl davon überzeugt, dass der Krieg im November 1918 an der Heimatfront und nicht „im Felde“ verloren worden war. 1938 stellte er seine militärwissenschaftlichen Aktivitäten ein. Da er sich offensichtlich vom Nationalsozialismus nicht hatte vereinnahmen lassen, wurde er anlässlich seines 100. Geburtstags 1956 in zahlreichen Zeitungsartikeln in der überregionalen Presse gewürdigt. In Zeiten der Wiederbewaffnung der jungen Bundesrepublik Deutschland sah man in ihm einen positiv besetzten Vertreter der militärischen Vergangenheit Deutschlands. Eine umfassende Würdigung des Hermann von Kuhl steht noch aus.

MILITÄR WIRD IM KRIEG ZUM TEIL DES ALLTAGS IN LJUBLJANA

In der Zeit zwischen dem Revolutionsjahr 1848 und dem Ersten Weltkrieg war Ljubljana/Laibach österreichisch-ungarische Garnisonsstadt. Die österreichische Armee war hier mit verschiedenen Einheiten präsent. Im Jahre 1914 waren in Laibach ganz oder in Teilen der Stab der K.u.K 28. Infanterie Truppen Division, das K.u.K Krainerische Infanterie Regiment Nr. 17 (mit ca. 90% Slowenen), das K.u.K. Steirische Infanterie Regiment Nr. 27, das K.u.K Landwehr Infanterie Regiment Nr. 27 und das K.u.K Feldkanonen Regiment Nr. 7 stationiert.

Die Soldaten und Offiziere machten etwa 10% der gesamten Stadtbevölkerung aus und spielten im wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen – sowie in einem gewissen Ausmaß auch im politischen – Leben der Stadt eine wichtige Rolle. Die Stadt galt als militärfreundlich. Die Laibacher Bürger und die Stadtverwaltung hießen das Militär mehrheitlich willkommen, auch wenn sich das Zusammenleben zwischen Armee und Zivilbevölkerung in der Realität nicht immer ganz einfach gestaltet haben dürfte. Betrunkene Soldaten oder sexuell abenteuerlustige Offiziere waren ein Ärgernis für die Stadt. Den nationalgesinnten slowenischen Kreisen war die Dominanz der deutschen Kommandosprache ein Dorn im Auge. So war das Verhältnis zwischen den Armeeangehörigen – einer „bunten Truppe“- und der ebenfalls sehr heterogenen Bevölkerung von Ljubljana vielschichtig und immer leicht gespannt.

Als der Krieg ausbrach, änderte sich das Leben in Ljubljana erheblich. Wenn die Stadt selber auch nicht zum Kriegsschauplatz wurde, so lag sie doch nur 100 km von der Front entfernt. Die strategischen Entscheidungen für die Italienfront, insbesondere für die Isonzo-Front, wurden vom Armeekommando in Ljubljana getroffen. Die Kleinheit des slowenischen Territoriums machte das gesamte Land zur Etappe und Heimatfont zugleich. Der Krieg war überall präsent. Ljubljana war ein „einziges großes Kriegsspital“. Die Verwundeten wurden auch in öffentlichen Gebäuden und Schulen untergebracht. So erklärt es sich auch, dass rund 6.000 Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg in der Stadt begraben liegen,

Ljubljana wie auch die anderen slowenischen Städte im Hinterland, wuchsen im Krieg um das Vielfache an, da sie nicht nur Unterkunft für die Verwundeten in den Spitälern, sondern auch für Invaliden, Kriegsgefangene oder Flüchtlinge bereitzustellen hatten.

Die Moral der Truppen war nicht mehr allzu hoch, bedingt durch hohe Verluste im Kampf, aber auch durch Selbstmord, Selbstverstümmelung oder Fahnenflucht. Es herrschte Hunger, auch beim Heer, da Lebensmittel knapp und teuer waren. Da das Heer kämpfen musste, musste sich die Zivilbevölkerung die Lebensmittel für ihre Soldaten letztlich abhungern.

Das Militär betrieb - wie die Politik - einen modernen Propagandaapparat zum Aufbau der Truppenmoral und zur Unterstützung der kämpfenden Soldaten. Diesem Zweck dienten auch die regelmäßigen und nicht seltenen Frontbesuche des österreichischen Kaiserpaares Karl und Zita beim Heer.

MILITÄR WIRD IM KRIEG ZUM TEIL DES ALLTAGS IN RATIBOR

Seit 1742 war Ratibor eine preußische Garnisonsstadt, in der Kavallerie und Infanterietruppen stationiert waren. Die Ratiborer Garnison war Teil des VI. Armeekorps, dessen Generalkommando in Breslau lag und das aus zwei Divisionen (11. und 12.) bestand. Die Ratiborer Garnison gehörte zur 12. Division und deren 24. Infanteriebrigade (3. Oberschlesisches Infanterie-Regiment Nr. 62) sowie deren 12. Kavallerie-Brigade (3. Eskadron Husaren-Regiment „Graf Goetzen“).

Mit Familien und Militärbeamten, Stäben und dem Garnisonskommando wohnten in Ratibor ca. 2.000 Garnisonangehörige. Das Militär gehörte bereits in Friedenszeiten zur Stadt; im Krieg wurde es täglicher Teil des Lebens.

Am 1. August 1914 wurde in Deutschland die allgemeine Mobilmachung befohlen. Sechs Stunden danach war die Ratiborer Garnison marsch- und kriegsbereit. Der Krieg begann.

Seit November 1914 erschienen im Ratiborer Kreisblatt Listen mit Namen der gefallenen, verwundeten oder vermissten Soldaten. In den Ratiborer Zeitungen standen nur wenige Frontberichte, da die Militärzensur streng gehandhabt wurde. Meist lobte man besonders tapfere Soldaten, die ausgezeichnet wurden. Auch die mutigen Taten des Ratiborer Hausbataillons wurden von der Generalität belobigt.

Während des Krieges bildete man in der Kaserne Rekruten aus, die an die Front geschickt wurden. Militärvereine unterstützten die im Felde stehenden Soldaten und deren Familien sowie Kriegswitwen und ihre Kinder. Jungwehrkompanien organisierten Hilfsaktionen für Frontsoldaten.

Eine enge Beziehung bestand zwischen Ratibor und den erfolgreichen Kampffliegern, von denen mehrere aus Ratibor und Umgebung kamen. Herausragend war der Jagdflieger Leutnant Otto Bernert.  Er lag mit damals 8 Siegen, davon 3 an einem Tag, hinter Hauptmann Boelcke - der nach 40 Luftsiegen gefallen war - und Freiherr von Richthofen mit 21 Luftsiegen. Im weiteren Kriegsverlauf schoss Otto Bernert als Führer der Jagdstaffel „Boelcke“ am 24. April 1917 von einem feindlichen Geschwader vier Flugzeuge eines feindlichen Geschwaders ab und errang seinen 22. Luftsieg. Der Stadtrat ehrte den 24 Jahre alten Helden; von Seiner Majestät erhielt er die höchste Kriegsauszeichnung, den Orden Pour le Mérite.

Der neuen Luftwaffe gehörten ca. 10 erfolgreiche und ausgezeichnete Flieger aus Ratibor an. Man scherzte, dass die Rariborer eine eigene Jagdstaffel bilden könnten.

Der Krieg zeigte aber auch seine düstere Seite. Ende August erfuhren die Ratiborer von dem Heldentod des Vizefeldwebels d. R. Alfred Snehotta aus Ratibor, der 42 erfolgreiche Aufklärungsflüge absolvierte. Er wurde in seine Heimatstadt überführt.

MILITÄR WIRD IM KRIEG ZUM TEIL DES ALLTAGS IN SCHWEDT

1763 wurde dem 1. Brandenburgischen Dragoner-Regiment Nr.2 Schwedt als Garnison zugewiesen. Mit kurzen Unterbrechungen blieb die Stadt bis 1937 Heimstätte des Regiments. Zwischen Dragonern und Bürgern bestand immer ein gutes Verhältnis.

Lange Zeit war das Regiment in Einzelkasernen untergebracht. Kasernen und Ställe sollten 1914 an einem Standort zusammengefasst werden. Der Bau wurde aber unterbrochen, da das Regiment beim Kriegsausbruch verlegt wurde. In der Dragonerkaserne lagen jetzt Ersatzschwadronen.

Am 1. August 1914 abends traf der Mobilmachungsbefehl des Kaisers in Schwedt ein. Militärs und Zivile strömten zum Marktplatz. Der Musikmeister blies mehrere Trompetensignale, der Regimentskommandeur verlas den Befehl und verhängte über Schwedt den Belagerungszustand. Auf dem Kasernenhof wurde scharfe Munition ausgegeben. Nach der Predigt des Garnisonpfarrers wurde das Regiment – 33 Offiziere, 663 Unteroffiziere und Mannschaften, 717 Pferde – am nächsten Tag verladen.

Kurze Zeit später entsandte das Hohenzollerngymnasium 35 Kriegsfreiwillige. Bereits am 9. September wurde in einem Flügel des Hohenzollernschlosses ein Lazarett eingerichtet. Die ersten Verwundeten trafen 14 Tage später in Schwedt ein.

Während des gesamten Weltkrieges war das Regiment dann auf den europäischen Kriegsschauplätzen an zahlreichen Schlachten und Stellungskämpfen beteiligt.

Die Schwedter hielten über eine Kriegszeitung Kontakt zur Front. In diesem Informationsblatt wurden Briefe, Karten, die Frontpost ausgewertet und wichtige Details zur Lage an den Kriegsschauplätzen kommuniziert.

Vom 1. Januar 1918 an, nahmen die Schwedter Dragoner an den Abwehrschlachten und Rückzugskämpfen an der Westfront teil. Am 17. November 1918 begann der Rückmarsch.

Am 20. Dezember 1918 kehrte das Regiment in seine Garnison zurück. Es bestand nur noch aus 14 Offizieren, 271 Männern, 150 Pferden. Die städtischen Behörden hatten jeden offiziellen Empfang abgelehnt. Es kamen aber viele Verwandte, Freunde und ehemals Verwundete. Das erste brandenburgische Dragonerregiment Nr.2 wurde aufgelöst, einzelne Einheiten behielten bis September 1919 noch spezielle Aufgaben. Ehemalige Schwedter Dragoner schlossen sich in Vereinen zusammen.