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Villeneuve d‘Ascq: Heimat unter Besatzung

Villeneuve d‘Ascq ist 1970 durch die Zusammenlegung der alten Ortschaften Ascq, Annappes und Flers entstanden. Die Stadt grenzt an Lille, der Hauptstadt Nordfrankreichs. Vor dem Ersten Weltkrieg zählten die drei Orte zusammen etwa 11.000 Einwohner.

Ascq liegt an der Handelsstraße zwischen Lille und Brüssel; parallel dazu verläuft die Eisenbahnlinie. Der Bahnanschluss von Ascq mit eigenem Bahnhof und Postamt förderte die Industrialisierung. Über eine zweite Bahnlinie von Roubaix-Tourcoin wurde die Textilindustrie in Ascq mit Kohle versorgt.

Annappes blieb ein eher ländliches Dorf, beherrscht von großen Landbesitzern. Es gab Mühlen, Cichoriekaffee- und Rübenalkoholfabriken. Der Haltepunkt der Eisenbahn ermöglichte es, sich als Pendler in den Industrieansiedlungen im nahen Lille (Maschinenbau, Textilfertigung) zu verdingen.

Auch der Ortsteil Flers war noch recht ländlich geprägt, aber eine Straßenbahn fuhr nach Lille. An der Straße von Lille nach Roubaix gelegen, hat sich das Dörfchen Flers-Breucq früh industrialisieren können. Beschäftigung bot auch hier der Maschinenbau und die Textilbranche. 1883 gründeten die FARBENFABRIKEN VORM. FRIEDRICH BAYER UND CO. hier eine Fabrik.

Der Krieg unterbrach jäh die Entwicklung der Region. Die ersten deutschen Truppen erreichten Ascq am Sonntagmorgen, den 4. Oktober 1914, mit einem Panzerzug. Auf der Nationalstraße drangen deutsche Spähtruppen nach Ascq ein. Am nächsten Morgen besetzte ein deutsches Regiment das Dorf. Häuser, Schulen ebenso das Pfarrheim wurden in Beschlag genommen. Deutsche Soldaten bezogen Quartier bei den Einwohnern. Später wurden die deutschen Besatzungstruppen auch in den Fabriken von Breucq einquartiert. Als der Krieg länger dauerte, wurde das Bayer-Werk zum Militärkrankenhaus umfunktioniert; ein anderes wurde in Annappes, nahe dem Bahnhof von Ascq, eingerichtet.

Die Front verlief 12 km westlich von Lille und änderte sich kaum noch. Die Dorfbewohner hörten das Grollen der Kanonen während des ganzen Krieges Tag und Nacht.

Der Bahnhof von Ascq spielte für die Beförderung der Truppen und den Munitionstransport eine wichtige Rolle, ebenso die Straße von Lille nach Tournai in Belgien für den Transport der Artillerie. Ab dem Frühjahr 1915 befand sich Ascq auf der Umgehungsstrecke nach Ypern zu den Schlachtfeldern, oder nach Süden hinter die Kampflinie von Aisne und Champagne.

1917 bauten die Deutschen einen Flugplatz an der Hauptstraße, der das Ziel alliierter Luftangriffe wurde. Die Bombardements und das Abwehrfeuer der deutschen Luftverteidigung waren für die Einwohner von Ascq und Umgebung Alltag. Bis zum Kriegsende mussten sie hier 4 Tote und 11 Verletzte beklagen.

Die Besatzung von Ascq, Annappes und Flers dauerte vier Jahre.

Kriegsende in Villeneuve d’Ascq

Im Oktober 1918 war die deutsche Armee in Nordfrankreich auf dem Rückzug. In Flers und Ascq wurden die Maschinen der Fabriken demontiert und mitgenommen. Die deutschen Truppen führten zahlreiche Zivilisten als Geiseln mit sich; sie dienten als „Schutzschilde“ vor alliierten Fliegerangriffen. Bevor die Soldaten die Dörfer verließen, sprengten sie die Kreuzungen und die Infrastruktur, um das Vorrücken der Alliierten zu bremsen. Viele Häuser wurden bombardiert.

Ascq und Annappes wurden durch die Engländer und Portugiesen befreit, Flers durch die Engländer alleine. Die alliierten Truppen wurden am 18. Oktober mit Begeisterung aufgenommen. Der Enthusiasmus war am 11. November 1918 bei der Verkündung der Waffenstillstandsunterzeichnung besonders groß.

Drei englische Krankenstationen blieben bis Ende 1919. In Ascq blieben 55 Gräber britischer Soldaten, die in Ascq gestorben waren und nicht umgebettet werden konnten. Auf dem kommunalen Friedhof wurde ein Teil als Friedhof des Commonwealth reserviert.

Die von deutschen Truppen während der Besatzung genutzten Häuser waren teilweise sehr beschädigt. Das Haus des Notars aus Ascq musste sogar abgerissen werden, da es einzustürzen drohte. Alles musste wiederaufgebaut werden.

Die demographische Bilanz des Krieges war erschütternd. 250 junge Männer aus den drei Dörfern waren im Kampf gefallen. Viele andere hatten Kriegsverletzungen und konnten nicht mehr arbeiten. Die Situation der betroffenen Familien war schwierig; die hinterbliebenen Kinder erhielten den Sonderstatus „Kriegswaise“. Die Geburtenzahlen waren seit 3 Jahren rückläufig, die Sterblichkeit der Bevölkerung wegen Unterernährung und Infektanfälligkeit erhöht.

In den Dörfern wurden die aus dem Stellungskrieg zurück gekehrten Soldaten geehrt. Sie entwickelten in Veteranenvereinen eine Mentalität der Brüderlichkeit und des Nationalgefühls. Die Vereine der einzelnen Dörfer hielten enge Verbindung. Im Jahr 1921 ließ jedes Dorf ein Denkmal „Für die Toten des Ersten Weltkrieges“ auf dem Dorfplatz errichten. In Flers wurden zwei Monumente auf den Friedhöfen von Sart-Breucq und in Bourg aufgestellt.

Die Kirchen erhielten 1922 neue Glocken, da die deutschen Truppen die früheren Glocken1917 konfisziert hatten, um sie einschmelzen zu lassen.

Die Einwohner beantragten Reparationen für die Kriegsschäden, um die zerstörten Häuser, Fabriken und Höfe wiederaufzubauen. „L’Allemagne paiera!“„Deutschland wird zahlen!“- das war das Leitmotiv in den 20er Jahren nach dem Vertrag von Versailles.

In Flers war man von der Nachricht über die Ermordung des Leutnants Colpin sehr betroffen. Er gehörte zu den Besatzungstruppen im Ruhrgebiet. Ein Staatsbegräbnis wurde für ihn am 21. März 1923 in der Hauptkirche von Lille, der Saint Maurice Kirche, gehalten.